Digitales Lernen: Zwischen Verklärung und Aufklärung

Pressemeldung der Firma Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V

Sie gehören scheinbar zum täglichen Leben, wie Autos und Kühlschränke: Computer, Tablets und Smartphones haben Einzug in das Leben vieler Familien gefunden. Schon die Kleinsten wischen über den berührungsempfindlichen Bildschirm und spätestens mit der Einschulung haben Eltern ein Gefühl von Sicherheit, wenn die Sprösslinge per Mobiltelefon erreichbar sind. In den Zeiten von Schulzeitverkürzung und Freizeitstress bieten die Geräte dann auch Heranwachsenden die Möglichkeit, ihre Freundschaftsbeziehungen über soziale Netzwerke zu pflegen. Kinder aus Elternhäusern, die dieser Entwicklung aus pädagogischen Gründen skeptisch gegenüberstehen, geraten leicht ins soziale Abseits: Während der Pause finden sie niemanden zum Spielen, weil alle Mitschüler den Kopf vor dem Bildschirm senken, und bei Verabredungen werden sie mitunter nicht berücksichtigt, weil sie mangels Handy auch nicht über den Nachrichtendienst WhatsApp verfügen.

Doch ist eine analoge Kindheit überhaupt noch zeitgemäß? Schulen und Bildungspolitik stellen digitale Endgeräte inzwischen doch als unverzichtbares Lernutensil dar. Zudem kursiert der Ausdruck von „Digitaler Spaltung“, der unterstellt, dass soziale Benachteiligung eine Folge mangelnder Verfügbarkeit und Nutzung von digitalen Medien sei. In diesem Zusammenhang erscheint die aktuelle Offensive der Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, (1) den Schulen 5 Milliarden Euro zum Erwerb digitaler Ausstattung für Deutschlands Schulen folgerichtig zu sein. Mal abgesehen davon, dass dieser Betrag über 5 Jahre gestreckt und auf über 40.000 Schulen verteilt werden soll, stellt sich die wesentlich bedeutsamere Frage: Hat diese Investition einen pädagogischen Sinn oder wäre es nicht besser, den Betrag in die Anstellung von Lehrern oder in die Sanierung von Schulgebäuden zu stecken? Kommt das Geld wirklich der Bildung zugute oder handelt es sich um ein Geschenk an die IT-Branche?

Aufschlußreich sind in diesem Zusammenhang die Stellungnahmen von Experten anlässlich einer Anhörung der Enquetekommission „Kein Kind zurück lassen“ des Hessischen Landtags vom 14.10.2016. Vier der fünf (!) geladenen Experten sprachen sich kategorisch gegen den Gebrauch von Lernsoftware, Tablets usf. in Kinderzimmern und Schulstuben aus (2). Der Ulmer Medizinprofessor Manfred Spitzer erklärt, „dass digitale Medien die Noten der Schüler nicht verbessern, sondern die Noten der Schüler entweder verschlechtern oder gar keinen Einfluss haben.“(3) Weiterhin verweist er auf die erheblichen gesundheitlichen Schädigungen, die aus dem übermäßigen Gebrauch digitaler Medien folgen: Kurzsichtigkeit, Schlafstörungen, Suchtverhalten, Depression und Angstzustände. Sie alle werden als Folgen belegt (4). Weiterhin wird die Behauptung entkräftet, dass Digitalisierung einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leiste. Das Gegenteil ist der Fall. Spitzer unterstreicht: „Es gibt eine Reihe von Studien, die gezeigt haben, dass der Einsatz digitaler Medien gerade schwache Schüler noch weiter schwächt.“(5)

Ralf Lankau spricht als Professor für Digitaldesign und Mediengestaltung mit fundierter Kenntnis über die pädagogischen Möglichkeiten und Grenzen von digitalen Medien. Er appelliert an die Verantwortung der Pädagogen: „Schulen wie Eltern haben sowohl eine Aufsichts- wie eine Fürsorgepflicht. Diese erfüllen sie, wenn sie die Nutzung mobiler Endgeräte so spät wie möglich erlauben (jedes Jahr ohne Bildschirm ist ein Zugewinn), und dann funktional und zeitlich begrenzen.“(6) Darüber hinaus äußert er Bedenken in datenschutzrechtlichen Fragen, da über einen Rückkanal im Internet jegliches Nutzungsverhalten analysiert und zum Aufbau von Nutzungs- und Persönlichkeitsprofilen ausgewertet werden kann (7). Den wahren Grund für die Digitalisierungsoffensive sieht er in den „Interessen von Stiftungen wie Bertelsmann, Bosch, Telekom, Vodafone u.a., die durch […] eine entsprechende Presse- und Lobbyarbeit und Einflussnahme in den Kultusministerien die Märkte für die Digitalisierung der Bildungs- und Gesundheitssysteme bereiten sollen.“(8)

Auch der Kölner Bildungsphilosoph Dr. Matthias Burchardt warnt ganz grundsätzlich: „Die Digitalisierung von Schule, Bildung und Lernen wäre ein grundstürzender Wandel der schulischen Wirklichkeit, und zwar in den Voraussetzungen, Modellen, Verfahren, Beziehungen und Zielen. Sie bedeutet eine Abkehr von den Überzeugungen der aufklärerischen Moderne und dem humanistisch-emanzipatorischen Menschenbild.“(9) Solange es Menschen gibt, geschieht Lernen in schützenden sozialen Beziehungen zwischen den Generationen. Wenn aber nun Maschinen nun zunehmend die Stelle von Lehrern übernehmen, wird die Schule im Wortsinne unmenschlich. Zu fragen wäre deshalb nach Burchardt: „Um welchen pädagogischen Preis mache ich Gebrauch von digitalen Medien?“ (10)

Diese einhellige Expertenmeinung gibt zu denken. Auf jeden Fall bestärkt sie die Eltern in der Auffassung, zu Hause und in den Einrichtungen der Kinder selbstbewusst gegen den gedankenlosen und allgegenwärtigen Einsatz digitaler Produkte einzustehen.+

(1)  https://www.bmbf.de/de/sprung-nach-vorn-in-der-digitalen-bildung-3430.html
(2)  Die zitierten Gutachten finden sich auf der Seite des Deutschen Lehrerverbandes    http://www.lehrerverband.de/aktuell_digitalisierung.html
(3)  Spitzer, Manfred: Risiken und Nebenwirkungen digitaler Informationstechnik. S. 2.
(4)  Spitzer, Manfred: Risiken und Nebenwirkungen digitaler Informationstechnik. S. 8ff.
(5)  Spitzer, Manfred: Risiken und Nebenwirkungen digitaler Informationstechnik. S. 4.
(6)  Lankau, Ralf: Digitalisierung und schulische Bildung. S. 28.
(7)  Lankau, Ralf: Digitalisierung und schulische Bildung. S. 4.
(8)  Lankau, Ralf: Digitalisierung und schulische Bildung. S. 31.
(9)  Burchardt, Matthias: Beantwortung der Fragen zum Thema „Digitalisierung“. S. 11.
(10)Burchardt, Matthias: Beantwortung der Fragen zum Thema „Digitalisierung“. S. 3.



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Die moderne Gesellschaft lebt bekanntlich von Voraussetzungen, die sie selber nicht geschaffen hat. Diese Voraussetzungen entstehen vor allem in der Familie. Die Familie selbst wiederum lebt nicht autonom. Die Gesellschaft bietet ihr Schutz und Freiraum, um die Voraussetzungen für ein menschliches Leben in der Gesellschaft zu schaffen. Familie braucht Gesellschaft, Gesellschaft braucht Familie. Dieses Zusammenwirken ist grundlegend für das Allgemeinwohl und für das Wohl des Einzelnen. Ohne intakte Familie keine menschliche Erziehung, ohne Erziehung keine Persönlichkeit, ohne Persönlichkeit kein Sinn für die Freiheit (Kirchhof). Die freiheitliche Gesellschaft ist auch die Grundlage für die soziale Marktwirtschaft. Die Schrumpfung und Unterjüngung der Gesellschaft bedrohen Wohlstand und Werte. Aber in der pluralistischen Medien-Gesellschaft ist die Wertedebatte schwierig. Das Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. will die Zusammenhänge zwischen den Grundwerten heute, ihren geistigen Quellen und ihrer Bedeutung für die Zukunft einer liberalen Gesellschaft stärker ins Bewusstsein heben. "Nicht durch die Erinnerung an die Vergangenheit werden wir weise, sondern durch unsere Verantwortung für die Zukunft" (George Bernhard Shaw). Das Institut verfolgt bei seiner Arbeit vorzugsweise einen interdisziplinären Ansatz. Es ist partei- und konfessionsübergreifend. Es will die öffentliche Meinung, die „soziale Haut“ (Noelle-Neumann) befreien helfen von den Ausschlägen einer Ich-Gesellschaft. Ihre bevorzugte Methode ist die Verbreitung von Ergebnissen interdisziplinärer Forschung durch Teilnahme an Symposien, Kolloquien und an der publizistischen Debatte. Auf diese Weise sollen die Handelnden in Politik, Wirtschaft und Bildungswesen gestärkt, die Unentschlossenen mitgerissen, die Nicht-Wissenden informiert werden. Die Initiatoren glauben trotz aller Fehlentwicklungen, dass eine Wertedebatte von selbst entsteht, wenn die Zusammenhänge erkannt und der Mensch, insbesondere das Kind, in den Mittelpunkt der Gesellschaft gestellt ist. Das volle Entfaltungspotential des Menschen soll zum Zuge kommen. Das Institut versteht sich also als eine Ideenfabrik, als Impulsgeber. Seine Mitglieder beteiligen sich ehrenamtlich an dieser Arbeit. Das Institut lebt ausschließlich von Spenden.


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Okt25

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